{"id":340,"date":"2019-06-14T12:12:12","date_gmt":"2019-06-14T10:12:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cmbit.de\/wordpress\/?p=340"},"modified":"2019-06-14T16:38:24","modified_gmt":"2019-06-14T14:38:24","slug":"3-quartalsbericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cmbit.de\/wordpress\/?p=340","title":{"rendered":"3. Quartalsbericht"},"content":{"rendered":"\n<p>Hallo Leute,<\/p>\n\n\n\n<p>Neun Monate sind um. Das hei\u00dft f\u00fcr mich als weltw\u00e4rts Freiwillige auch, dass der n\u00e4chste Quartalsbericht geschrieben werden muss. Den m\u00f6chte ich gerne mit euch Teilen:<\/p>\n\n\n\n<p>Neun Monate in Dar es Salaam sind vorbei. Wieder drei Monate, in denen ich viel gelernt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, dass sich insbesondere mein Umgang mit der tansanischen Kultur ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erfrage und diskutiere viel mehr \u00fcber kulturelle Unterschiede, vielleicht, weil ich offener geworden bin, oder einfach nur, weil mein Swahili immer besser wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem in dem zweiten Heim von Watoto Wetu, das auf dem Land, weit weg von Dar es Salaam liegt, lerne ich viel. Zum Beispiel habe ich mit einem M\u00e4dchen aus dem Heim die im Dorf ans\u00e4ssigen Massai besucht und mit ihnen Tee getrunken, w\u00e4hrend uns von ihren Traditionen erz\u00e4hlt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Heim lerne ich auch, wie man auf Essen auf tansanische Weise zubereitet. Zum Beispiel kann ich jetzt Mandazi kochen, oder aus einer Kokosnuss zuerst Raspeln und anschlie\u00dfend Milch machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde es wahnsinnig interessant, mit verschiedenen Menschen \u00fcber ihren Glauben zu sprechen und zu erfahren, warum sie genau das glauben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Person, mit der ich mich sehr viel \u00fcber unterschiedliche Kulturen austausche, ist Gasper. Gasper ist ein Mitarbeiter im Heim und quasi ein wandelndes Lexikon. Es fasziniert mich, wie er fast f\u00fcr jede meiner Fragen, sei es \u00fcber kulturelle Dinge, die ich nicht verstehe oder die Sprache, eine Antwort hat. So kann man mit ihm stundenlang \u00fcber verschiedene Glaubensrichtungen, Naturmedizin oder \u00fcber den Swahilidialekt den die Menschen in Arusha sprechen reden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt aber auch Gespr\u00e4chsthemen, die f\u00fcr mich sehr schwierig sind. Oft muss ich an eine Konversation denken, in der ich mit einem ehemaligen Sch\u00fcler aus dem Heim \u00fcber Homosexualit\u00e4t gesprochen habe. Er vertritt die Meinung der Regierung, f\u00fcr die Homosexualit\u00e4t strafbar ist. Ich hingegen habe, was dieses Thema angeht, eine sehr liberale Sichtweise und bef\u00fcrworte daher Rechte f\u00fcr Schwule und Lesben. Der Sch\u00fcler sagte mir ins Gesicht, dass alle Schwulen in die H\u00f6lle k\u00e4men, genauso wie die Wei\u00dfen, die alles mit ihrer liberalen Sichtweise verpesten. In Deutschland h\u00e4tte ich einer Person, die solch eine Meinung vertritt, ordentlich meine Meinung gesagt und erkl\u00e4rt, was ich von solchen Aussagen halte. Aber hier ist es anders. Hier ist diese abweisende Haltung bei sehr vielen Menschen noch viel tiefer kulturell verankert. Ich kann nicht einfach wie ein Elefant durch den Porzellanladen laufen. Wie verhalte ich mich richtig? Es war eine wahnsinnig schwere Situation. Ich habe ihm durchaus gesagt, dass ich Homosexualit\u00e4t f\u00fcr keine S\u00fcnde halte, aber das habe ich sehr vorsichtig getan. Innerlich wollte ich schreien, wie man solche Dinge nur sagen kann. Aber ich wei\u00df: Die meisten (auch liebensw\u00fcrdigen) Menschen werden mit dieser Haltung erzogen. W\u00e4re ich denn anders, wenn ich hier, oder auch in Deutschland in einem weniger liberalen Umfeld, aufgewachsen w\u00e4re?<\/p>\n\n\n\n<p>Was mich auch immer wieder frustriert, sind die Vorurteile, die gerade die Kinder bei uns im Heim, die jedes Jahr fast jeden Tag mit Freiwilligen zu tun haben, Wei\u00dfen gegen\u00fcber haben. Ich sp\u00fcle Geschirr mit ihnen oder f\u00fcr sie, ich koche, ich wasche ihre Kleidung. Und trotzdem hei\u00dft es oft, wenn ich eine dieser T\u00e4tigkeiten aus\u00fcben will, dass ich das doch nicht kann. \u201eWei\u00dfe k\u00f6nnen nicht kochen\u201c. \u201eJeder Wei\u00dfe hat eine Sp\u00fclmaschine, also k\u00f6nnen die kein Geschirr waschen\u201c. Manchmal frage ich dann, wieso sie so etwas sagen. Dann hei\u00dft es \u201edie eine Wei\u00dfe aus dem Fernsehen hat einen Geschirrsp\u00fcler\u201c oder einfach \u201eweil ihr Wei\u00dfen das nicht k\u00f6nnt\u201c. Ich sage ihnen dann, dass das so nicht stimmt und dass sie doch sehen, wie ich und auch andere Freiwillige sehr wohl diesen T\u00e4tigkeiten nachgehen k\u00f6nnen. Und trotzdem glauben sie es nicht. Obwohl sie es mit eigenen Augen sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie soll man denn gegenseitige Vorurteile abbauen, wenn es nicht mal mit Menschen, die jeden Tag mit Wei\u00dfen zu tun haben funktioniert?<\/p>\n\n\n\n<p>Dar es Salaam ist eine an vielen Stellen sehr dreckige, beziehungsweise verm\u00fcllte Stadt. Deshalb freut es mich, vielleicht auch entwicklungspolitisch betrachtet, dass seit dem ersten Juni in Tansania ein Verbot von Plastikt\u00fcten herrscht. Da ist Tansania Deutschland schon einen Schritt voraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Situation in der Einsatzstelle hat sich auch nach Gespr\u00e4chen mit Theobald, meinem Koordinator und meinem Chef nicht ge\u00e4ndert. An den meisten Tagen sitze ich nur rum und habe nichts zu tun. Und wenn ich etwas mit den Kindern mache, zum Beispiel Tanzen oder Basteln, werden sp\u00e4testens nach f\u00fcnf Minuten die meisten Kinder zur Hausmutter beordert, um pl\u00f6tzlich irgendwelche Dinge f\u00fcr sie zu erledigen. Es ist sehr frustrierend. Mir werden normal keine Aufgaben erteilt und wenn ich mir selbst welche suche, dann werden diese st\u00e4ndig durch die Hausmutter verhindert. Ich liebe \u201emeine\u201c Kinder und ohne Freiwillige g\u00e4be es wirklich kaum jemanden der mal mit ihnen spielen oder andere sch\u00f6ne Dinge unternehmen w\u00fcrde. Aber ich denke trotzdem, dass Watoto Wetu als Einsatzstelle einfach ungeeignet ist. Es gibt ja noch das zweite Heim, das drei Stunden au\u00dferhalb liegt, neben dem momentan nach und nach Klassens\u00e4le f\u00fcr die Dorfkinder erbaut werden. Jedoch sind dort fast alle Heimkinder w\u00e4hrend der Schulzeit auf Internaten und zum jetzigen Zeitpunkt gibt es auch nur eine kleine Vorschulklasse. Es ist sehr sch\u00f6n und ich bin gerne dort, wobei es sich momentan genauso wenig als Einsatzstelle eignet. Aber vielleicht in ein paar Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Pers\u00f6nlich bringt mir mein Dienst auf jeden Fall Gelassenheit. Alleine schon in der Einsatzstelle muss ich fast jeden Tag feststellen, dass die Dinge nicht so laufen, wie man es gerne h\u00e4tte. Pl\u00e4ne werden durchkreuzt, Leute kommen zu sp\u00e4t und das ist in Ordnung. Fr\u00fcher h\u00e4tte es mich wahnsinnig gemacht, st\u00e4ndig alles umplanen zu m\u00fcssen. Jetzt wei\u00df ich, dass es f\u00fcr so ziemlich alles eine L\u00f6sung geben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mir auch immer wieder klar wird, ist, wie privilegiert ich doch bin. Ich merke, dass ich viele Dinge, die f\u00fcr mich selbstverst\u00e4ndlich sind, mehr wertsch\u00e4tzen sollte. Wenn es mir schlecht geht, gehe ich zum Arzt. Klar, denn ich habe ja eine gute Versicherung. Meine Nachbarin hingegen muss zehnmal \u00fcberlegen, ob sie ins Krankenhaus geht und damit das Geld verbraucht, dass sie eigentlich f\u00fcr andre Dinge gebraucht h\u00e4tte. Genauso, dass ich in Deutschland immer Zugang zu sauberem Wasser habe, ist etwas, was ich, wie noch viele weitere Dinge, vielleicht f\u00fcr viel zu selbstverst\u00e4ndlich gehalten habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gedanken an den restlichen Verlauf meines Jahres hier fallen mir schwer. Einerseits freue ich mich nat\u00fcrlich auf Deutschland, meine Familie, meine Freunde, K\u00e4se und ordentliches Brot. Aber ich liebe auch mein Leben hier. Ich bin eigentlich noch nicht bereit daf\u00fcr, dass es bald zu Ende geht. So viele Dinge, die ich noch nicht gemacht, gesehen oder gelernt habe und so vieles, das ich hinter mir lassen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auf ein paar Dinge in den kommenden zweieinhalb Monaten freue ich mich schon sehr. Im Juli wollen meine Mitfreiwillige und ich eine Reise durch Ostafrika machen und dabei andere Freiwillige besuchen, neue Orte und andere Kulturen kennenlernen. Und f\u00fcr die Heimkinder planen wir gemeinsam einen Ausflug in ein Spa\u00dfbad oder an den Strand.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde auf jeden Fall die restliche Zeit hier genie\u00dfen und hoffe, dass die Zeit so langsam wie m\u00f6glich vergeht.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Das war&#8217;s mit meinem Bericht. Ich hoffe, ich konnte euch einen guten Einblick in die vergangen Monate geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis dann<\/p>\n\n\n\n<p>Eure Tine<\/p>\n\n\n\n<p><br \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo Leute, Neun Monate sind um. Das hei\u00dft f\u00fcr mich als weltw\u00e4rts Freiwillige auch, dass der n\u00e4chste Quartalsbericht geschrieben werden muss. Den m\u00f6chte ich gerne mit euch Teilen: Neun Monate in Dar es Salaam sind vorbei. Wieder drei Monate, in denen ich viel gelernt habe. Ich denke, dass sich insbesondere mein Umgang mit der tansanischen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.cmbit.de\/wordpress\/?p=340\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">3. 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