{"id":336,"date":"2019-03-13T07:48:48","date_gmt":"2019-03-13T06:48:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cmbit.de\/wordpress\/?p=336"},"modified":"2019-03-13T07:48:48","modified_gmt":"2019-03-13T06:48:48","slug":"2-quartalsbericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cmbit.de\/wordpress\/?p=336","title":{"rendered":"2. Quartalsbericht"},"content":{"rendered":"\n<p>Hallo Leute,<\/p>\n\n\n\n<p>ein halbes Jahr ist um. Das hei\u00dft f\u00fcr mich als weltw\u00e4rts Freiwillige auch, dass der n\u00e4chste Quartalsbericht geschrieben werden muss. Den m\u00f6chte ich gerne mit euch Teilen:<\/p>\n\n\n\n<p><br \/><\/p>\n\n\n\n<p>Ein halbes Jahr in Dar es Salaam ist vorbei. Das letzte halbe Jahr bestand aus vielen H\u00f6hen und Tiefen und hat mich definitiv ver\u00e4ndert. Die Arbeit in der Einsatzstelle, Einkaufen, das Leben bei uns im Dorf, alles sind Faktoren, die mich auf die ein oder andere Weise beeinflusst haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Generell habe ich viel \u00fcber die Arbeit mit Kindern dazugelernt. Auch in Deutschland habe ich schon h\u00e4ufig mit Kindern gearbeitet, aber ich war darin nicht so sicher wie jetzt. Auch war die Arbeit mit den Kindern im Heim, gerade am Anfang, viel schwieriger als in Deutschland. Sie sind viel gewaltt\u00e4tiger, als ich es gewohnt war. Zudem haben sie mich anfangs auch nicht als Respektsperson wahrgenommen, da ich sie, im Gegensatz zu den meisten anderen Erwachsenen, nicht schlage. Aber inzwischen nehmen sie mich ernst und h\u00f6ren (wenn auch \u00f6fters erst nach l\u00e4ngeren Diskussionen) auf mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch habe ich durch die Kinder gelernt geduldiger zu sein. Geduld war nie gerade meine St\u00e4rke. Aber momentan versuche ich einem geistig behinderten M\u00e4dchen Schreiben beizubringen. Da ihre Lernfortschritte langsamer als bei manch anderen Kindern sind, lerne ich von Tag zu Tag geduldiger zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Arbeit mit diesem M\u00e4dchen und auch durch das Hausaufgabenmachen mit anderen Kindern verbessert sich auch meine F\u00e4higkeit, anderen etwas beizubringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Arbeit in der Einsatzstelle bin ich auch viel flexibler geworden. Watoto Wetu besch\u00e4ftigt praktisch nur ehrenamtliche Mitarbeiter, weshalb keinem so richtig die Leitung obliegt, nie einer im Besitz s\u00e4mtlicher Informationen bez\u00fcglich Kindern und Tagesabl\u00e4ufen ist uns dadurch viel Chaos entsteht. Somit eignet man sich automatisch eine gewisse Flexibilit\u00e4t an, damit man seine T\u00e4tigkeiten irgendwie an den \u201eTagesablauf\u201c anpassen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich bin ich durch das alleine Leben bzw. WG Leben erwachsener und selbstst\u00e4ndiger geworden und \u00fcbernehme auch Verantwortung und Aufgaben f\u00fcr andere.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine definitiv nicht zu untersch\u00e4tzende Ver\u00e4nderung ist auch mein Umgang mit Insekten bzw. Ungeziefer. Zwar verspr\u00fche ich bei einer Sichtung eines Tieres mit mehr als vier Beinen immer noch keine Euphorie, aber ich habe doch durch Kakerlaken, Hundert- und Tausendf\u00fc\u00dfler, Termitenangriffe und nicht zuletzt Spinnen gelernt, dass diese Tiere nicht der Weltuntergang h\u00f6chstpers\u00f6nlich sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mir momentan sehr im Entwicklungspolitischen Kontext sehr auff\u00e4llt, ist der Ausbau der Stra\u00dfen in Dar es Salaam. Dies wird gemacht, um das wahnsinnig hohe Verkehrsaufkommen und die damit verbundenen Staus zu minimieren und schlussendlich die Stadt weiterzubringen. So weit, so gut. Allerdings wird f\u00fcr diese Erweiterung alles Umliegende platt gemacht. Jegliche Stra\u00dfenm\u00e4rkte und auch viele H\u00e4user werden dem Erdboden gleichgemacht. Auch das alte Heim von Watoto Wetu wurde zerst\u00f6rt. So viele Menschen verlieren aufgrund dieser Bauarbeiten ihre Wohnungen, ihre Arbeit, ihre Lebensgrundlage. Ist es dann wirklich Fortschritt, wenn so viele Menschen leiden m\u00fcssen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Punkt in der Politik Tansanias der mich besorgt, ist eine geplante Gesetzes\u00e4nderung, die wahrscheinlich dazu f\u00fchren wird, dass die Meinungsfreiheit eingeschr\u00e4nkt werden kann. Zum Beispiel kann dann die Registrierungsbeh\u00f6rde uneingeschr\u00e4nkt Parteien anerkennen oder l\u00f6schen und sie darf politische Informationen f\u00fcr B\u00fcrger zensieren. Es k\u00f6nnte dadurch nicht nur zu Tumulten innerhalb des Landes kommen, sondern auch zur Gef\u00e4hrdung internationaler Beziehungen. Beispielsweise ein Land wie Deutschland, das ma\u00dfgeblich an der Unterst\u00fctzung Tansanias beteiligt ist, k\u00f6nnte sich aufgrund solch einer politischen Entwicklung von Tansania distanzieren. Tansania k\u00f6nnte schlussendlich also auch finanzielle Verluste erleiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Des Weiteren besch\u00e4ftigt mich das Schulsystem. Ab der achten Klasse wird hier der Unterricht ausschlie\u00dflich auf Englisch abgehalten. Das Problem dabei ist, dass die Lehrweise des Frontalunterrichts sehr verbreitet ist, und keiner merkt, dass die Sch\u00fcler nicht hinterherkommen. Fast keines der Kinder bei uns im Heim kann Englisch sprechen, manche davon gehen sogar n\u00e4chstes Jahr in die achte Klasse. Sie werden massive Probleme haben dann im Unterricht mitzukommen, und im Endeffekt wird ihre Ausbildung darunter leiden. Nach dem, was ich bis jetzt beobachtet habe, m\u00fcssten meiner Meinung nach Lehrer besser ausgebildet und der Frontalunterricht abgeschafft werden. Vielleicht w\u00e4re es auch sinnvoll, den ausschlie\u00dflich englischsprachigen Unterricht freiwillig zu machen und f\u00fcr die restlichen Sch\u00fcler den Unterricht auf Swahili anzubieten. Ich denke, dass das Schulsystem so auf die Dauer keinen Bestand hat und irgendwann auf die eine oder andere Weise abge\u00e4ndert werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Einsatzstelle l\u00e4uft es momentan nicht wirklich gut. Nach den Weihnachtsferien wurden f\u00fcnf Kinder auf ein Internat gebracht. Somit sind jetzt nur noch acht Kinder im Heim, die auch oft erst nach 18 Uhr von der Schule nach Hause kommen. Folglich haben wir kaum etwas zu tun. Ein weiteres Problem ist die Kommunikation mit der Leitung. Uns werden generell keine Aufgaben zugeteilt und f\u00fcr uns wichtige Informationen (wie zum Beispiel, dass f\u00fcnf Kinder auf ein Internat gehen werden) werden uns nicht mitgeteilt. Solche Sachen m\u00fcssen wir dann im Nachhinein erfragen. Auch fehlen der Leitung selbst einige Informationen \u00fcber die Kinder, zum Beispiel um wie viel Uhr sie in die Schule gehen und wann sie wieder heimkommen. Meiner Meinung nach ist die ausschlie\u00dfliche Besch\u00e4ftigung von Ehrenamtlichen, gerade in der Leitung, sehr hinderlich, um Struktur in die Heimarbeit zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dadurch, dass uns keine Aufgaben zugeteilt werden, suchen wir uns selbst Aufgaben, die uns Spa\u00df machen. Wir helfen bei den Hausaufgaben, waschen Kinder, Geschirr und Klamotten, spielen Brett- und Kartenspiele&nbsp;&nbsp;und seit neustem Tanzen wir fast jeden Abend 45 Minuten mit den Kindern. Das h\u00f6rt sich jetzt vielleicht nach gar nicht so wenigen T\u00e4tigkeiten an, aber den Gro\u00dfteil der Zeit sitzen wir einfach nur rum und haben nichts zu tun, was mich extrem frustriert und bei mir aktuell ein pers\u00f6nliches Tief ausl\u00f6st. Manchmal wei\u00df ich gar nicht, wieso ich \u00fcberhaupt noch hier bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn ich die Kinder und die Mitarbeiter bei Watoto Wetu sehr mag, halte ich es f\u00fcr fragw\u00fcrdig, ob es in dieser Situation noch eine geeignete Einsatzstelle f\u00fcr Freiwillige ist, da wir momentan ziemlich \u00fcberfl\u00fcssig sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Der einzige derzeitige Lichtblick ist, dass diesen Monat zehn neue Kinder von der Regierung kommen sollen. Da uns so etwas aber vor Monaten schon einmal gesagt wurde, bin ich mir nicht sicher, ob diese Kinder jemals zu uns kommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der tansanischen Kultur versuche ich mit Interesse und Respekt zu begegnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schaue gerne beim Kochen zu und erfrage Dinge \u00fcber Themen, die mich interessieren, wie zum Beispiel Naturmedizin oder auch D\u00e4monenaustreibungen. Nat\u00fcrlich sind auch kleine Dinge, wie meinen K\u00f6rper bedeckt zu halten oder mit der Hand zu essen f\u00fcr mich selbstverst\u00e4ndlich, und ich habe gelernt, dass ich \u00e4ltere Menschen mit \u201eShikamoo\u201c (das bedeutet so viel wie \u201eich respektiere dich\u201c) begr\u00fc\u00dfen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mir immer wieder auff\u00e4llt, ist wie wichtig es ist, Swahili zu sprechen um die Kultur besser zu verstehen. Ich kann die Sprache zwar noch nicht besonders gut, aber ich kann mich gerade mit Kindern schon ziemlich gut unterhalten und zum Einkaufen und Verhandeln reicht es auch schon. Aber um mich noch besser anpassen zu k\u00f6nnen, ist es mir wichtig, die Sprache noch besser zu lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein kultureller Unterschied, mit dem ich gro\u00dfe Schwierigkeiten habe, ist die Beziehung von Erwachsenen und Kindern. Die meisten Erwachsenen schlagen Kinder und behandeln sie auch oft ein wenig wie Diener. Nat\u00fcrlich ist dieses \u201eDienersein\u201c ein Ausdruck des Respekts gegen\u00fcber des Alters, was hier sehr wichtig ist. Trotzdem ist es f\u00fcr mich sehr befremdlich, wenn die Kinder den Erwachsenen das Essen anrichten, ihnen die H\u00e4nde waschen und st\u00e4ndig irgendwelche Dinge bringen sollen. F\u00fcr mich ist diese Respekt vor dem Alter Sache oft einfach zu viel. Selbstverst\u00e4ndlich sollte man als Kind normalerweise auf das h\u00f6ren, was Erwachsene sagen, aber ich finde, ein Kind sollte nicht Dienstm\u00e4dchen spielen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Zukunft nehme ich mir vor allem vor, wieder mehr Motivation f\u00fcr die Arbeit in der Einsatzstelle zu haben und somit neue Projekte zu starten. Zum Beispiel w\u00fcrde ich gerne die Schlafzimmer der Kinder streichen, damit diese nicht mehr so trist aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnsche mir auch, mehr tansanische Kontakte zu kn\u00fcpfen, um noch mehr \u00fcber die Kultur zu erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu guter Letzt nehme ich mir vor, noch mehr Swahili zu lernen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Bericht nochmal einen genaueren Einblick in mein Jahr in Tansania geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis dann<\/p>\n\n\n\n<p>Eure Tine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo Leute, ein halbes Jahr ist um. Das hei\u00dft f\u00fcr mich als weltw\u00e4rts Freiwillige auch, dass der n\u00e4chste Quartalsbericht geschrieben werden muss. Den m\u00f6chte ich gerne mit euch Teilen: Ein halbes Jahr in Dar es Salaam ist vorbei. Das letzte halbe Jahr bestand aus vielen H\u00f6hen und Tiefen und hat mich definitiv ver\u00e4ndert. Die Arbeit &hellip; <a href=\"https:\/\/www.cmbit.de\/wordpress\/?p=336\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">2. Quartalsbericht<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-336","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-in-tansania"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.cmbit.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/336","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.cmbit.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.cmbit.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cmbit.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cmbit.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=336"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.cmbit.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/336\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":337,"href":"https:\/\/www.cmbit.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/336\/revisions\/337"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.cmbit.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=336"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cmbit.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=336"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cmbit.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=336"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}